Schüler > Erfolgsgeschichten > Ammar bei Winning Isoliertechnik Fuerth

Angekommen im Team

Dass Ammar Al S. neben seinem arabischen Namen auch einen anderen kulturellen Hintergrund mitbringt, spüren seine Kollegen recht selten. In mancher Mittagspause vielleicht, wenn einer Leberkässemmeln beim Bäcker holt, die der muslimische Kollege nicht essen darf, überlegt Sascha Ritzinger. „Aber dann fragen wir ganz automatisch, ob es für ihn was ohne Schweinefleisch gibt“, ergänzt er schulterzuckend. Ritzinger sitzt in seinem Büro der Winning Isoliertechnik in Fürth und erzählt vom Arbeitsalltag mit Ammar, dem syrischen Auszubildenden, der inzwischen ein Kollege ist wie jeder andere.

Ein Kollege wie jeder andere

„Hier im Betrieb sind alle gleich“, bestätigt auch Ammar und man spürt, dass diese Normalität ihm beim Ankommen in Deutschland am meisten hilft. In der Werkstatt läuft das Radio, während der 25-Jährige die Maschinen erklärt, mit denen er zur Zeit Bleche formt. Nach einem Praktikum und ein paar Monaten Mitarbeit hat er im September 2017 eine dreijährige Ausbildung begonnen, zum Wärme-, Kälte- und Schallschutzisolierer, wie es offiziell heißt. Es ist ein anspruchsvoller, kreativer Handwerksberuf. Die Stimmung in dem 20-Mann-Betrieb ist freundschaftlich; die Kollegen necken einander oft. „Er hat einen guten Humor“, sagt Ritzinger über seinen syrischen Kollegen. „Man merkt einfach, dass er genauso tickt wie wir. Es hat von Anfang an gut funktioniert.“

Aus der Firma nimmt Ammar viel mehr mit als einen Ausbildungsplatz und eine berufliche Perspektive. Zugehörigkeit, Anerkennung und Selbstbewusstsein zum Beispiel, und natürlich die Sprache. Da die Deutschkurse hier ausschließlich vormittags stattfinden und er blitzschnell seinen ersten Aushilfsjob hatte, konnte er nur eine Woche lang zum Unterricht. „Ich denke viel an die Zukunft. Ich muss arbeiten und Geld verdienen. Ich kann nicht zu Hause sitzen und Geld bekommen,“ betont er. Er unterstützt seine Eltern in Syrien, hat Verantwortung. Die Worte fließen aus ihm heraus; er hat sie von seinen Kollegen gelernt. Sie halten zusammen, auch bei den kleinen Herausforderungen im Alltag. Sein Meister nimmt ihn jeden Tag die gute halbe Stunde per Auto mit zur Arbeit. Bus fahren wäre sehr umständlich.

Das Schwierigste ist die Sprache

Ammar ist keiner, der sich viel mit Klagen aufhält. Fragt man ihn, was er in Deutschland vermisst, sagt er: „Nur meine Familie“. Seine Kurzzusammenfassung von den drei Monaten Flucht über das Mittelmeer trägt er vor wie eine spannende Abenteuererzählung. Die Not, die Angst, das Leid dahinter muss man zwischen den Zeilen herauslesen. Wie er sich mit seiner kleinen Schwester und seinem damals erst neunjährigen Cousin vom bombardierten Homs durch acht Länder durchschlug und vor der Polizei versteckte, in der Türkei im Winter fünf Nächte draußen schlief und das kleine Boot nach Griechenland, das keinen Sprit mehr hatte. Ammar sprang mit einem anderen Flüchtenden ins Meer und schob es die letzten 100 Meter bis zum Strand. Am Ende der Route verlor er seine Schwester und fand sie zufällig in Zirndorf wieder.

Nun ist er dabei, ein neues Leben zu beginnen. Er hat eine Wohnung, spielt Fußball im Verein und besitzt einen gut bezahlten Ausbildungsplatz. Einzig das Deutsch und seine vielen Dialekte in der Region machen ihm noch zu schaffen. „Das Schwierigste ist die Sprache“, sagt Ammar, auch in der Berufsschule. Er arbeitet dran, um sich noch besser zu integrieren. Langfristig aber träumt er von der Rückkehr nach Syrien, um dort einen ähnlichen Betrieb aufzubauen wie sein Arbeitgeber in Fürth. „Das gibt es dort in der Form nicht“, erzählt er.

Für Handwerksbetriebe ist es schwierig, gute Leute zu finden

Die Winning Isoliertechnik hat Erfahrung mit ausländischen Mitarbeitern. Rund 10 Praktikanten wirbt die Firma über Plattformen wie „sprungbrett into work“ pro Jahr an, etwa die Hälfte davon haben einen Migrationshintergrund. Auch wenn ein aussichtsreicher Kandidat dabei ist, klappt es nicht immer, ihn als Azubi zu gewinnen. Ritzinger fällt etwa ein Äthiopier ein, „wir waren begeistert von seiner Arbeit. Er war sehr engagiert, auch in der Freiwilligen Feuerwehr aktiv.“ Die Firma versuchte, die nötigen Papiere für eine Aufenthaltsgenehmigung und eine Erlaubnis zur Ausbildung zu bekommen, „aber das war chancenlos“, beklagt Ritzinger. In den Wirren der Regierungsbildung klappt es nicht mit einer Ausnahmegenehmigung.

 

Hier in der Firma bedauern sie das sehr. „Generell würde es dem Handwerk viel bringen, wenn Migranten leichter arbeiten dürften. Für Handwerksbetriebe ist es schwierig, gute Leute zu finden“, sagt Ritzinger. Isolierer ist ein kleiner Nischenberuf, den kaum einer kennt. In der Berufsschule in Lindau gibt es jährlich nur eine Klasse mit rund 20 Schülern – aus ganz Bayern.

Seine Firma würde Ammar nach der Lehre gerne übernehmen. „Er ist ein gestandenes Mannsbild und kann gut anpacken“, sagt Ritzinger. Dass er Syrer ist, ist für die Winning Isoliertechnik weder ein Hemmschuh, noch ein Bonus. Ammar ist einfach ein ganz normaler Kollege. Das ist vielleicht das Geheimrezept, warum es für alle Seiten so gut funktioniert. Keine Extrawürste, für niemanden. Nur manchmal, beim Metzger.

Text: Diana Gäntzle
Fotos: Florian Freund Fotodesign

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